Friedrich Dessauer

Friedrich Dessauer — Grenzgänger zwischen Physik und Medizin

von Monika Ebert (gekürzt)

aus: Aschaffenburger Jahrbuch Bd. 16, 1993, S. 341 – 360 (ohne Anm.)

Der Biophysiker und Philosoph Friedrich Dessauer wurde als Sohn des Fabrikbesitzers Philipp Dessauer und seiner Gemahlin Elisabeth, geb. Vossen, am 19. Juli 1881 in Aschaffenburg geboren.  […]

Am 8. November 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen in Würzburg die später nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Dessauer war damals gerade vierzehn Jahre alt und informierte sich aus den Zeitungen über diese neue Ent­deckung. Am meisten interessierten ihn die Berichte über die technischen Beschreibungen der Apparate, die zur Erzeugung von Röntgenstrahlen not­wendig waren. Anhand dieser Daten versuchte er eigenständige Experimente durchzuführen und mietete dazu — noch Gymnasiast — in der Betgasse 11 […] eine Werkstatt an. […]

Nach dem Abitur, das er 1899 Aschaffenburg absolvierte, studierte Dessauer zunächst zwei Seme­ster Physik in München. Als zu Beginn des Jahres 1900 einer seiner Brüder, der in Würzburg lebte, schwer erkrankte, kam Dessauer mit seinem selbstgebastelten transportablen Röntgenapparat von München angereist, damit die Krankheit seines Bruders mit Hilfe der neuen Technik besser diagnostiziert werden konnte. Die Rönt­genaufnahmen brachten einen tiefliegenden Tumor im Brustraum zum Vor­schein. Nach diesem Erlebnis und auf Drängen der Ärzte, die seinen Bruder behandelten, fasste Dessauer den Entschluss dort weiterzuarbeiten, wo sich nach seinen Worten Physik und Biologie vermählen. Doch nur für kurze Zeit setzte er sein Studium — jetzt an der Technischen Hochschule in Darmstadt — fort.

Als im August 1900 sein Vater starb, kehrte Dessauer nach Aschaffenburg zurück. Er gründete noch im gleichen Jahr in der Hanauer Straße 22 ein „Laboratorium   zur  Herstellung   von   Röntgenapparaten   für  medizinische Anwendungen“. Um diese Apparate auch bedienen zu können, waren besondere technische Kenntnisse Voraussetzung. Sie erläuterte er in seinem ersten umfassenden wis­senschaftlichen Buch „Leitfaden des Röntgenverfahrens“, das er 1903 […] publi­zierte. […]

Um den Ärzten auch praktische Anweisungen zu geben, führte Dessauer seit 1902 […] „Ärztliche Kurse über das Röntgenverfahren“ durch. […]

1906 übernahm Dessauer die Leitung einer Frankfurter Gesellschaft, die die Fabrikation elektrischer Messinstrumente und elektromedizinischer Appa­rate betrieb. 1907 vereinigte er diese Fabrik mit seinem Aschaffenburger Labo­ratorium zu den Veifa-Werken, den Vereinigten Elektro Instituten Frankfurt/Aschaffenburg, mit Sitz in Frankfurt am Main.

Dessauer arbeitete jetzt weiter an der physikalischen Verbesserung der Röntgenapparate und führte im Laufe der Jahre dazu zahlreiche Untersuchun­gen auf dem Gebiet der Röntgentechnik durch. 1909 stellte er das „Klinoskop“, seinen neu entwickelten radiologischen Untersuchungsapparat vor, mit dessen Hilfe die Ganzkörperdurchleuchtung mit Iris oder Schlitzblende im Stehen, Liegen oder Sitzen, in allen Richtungen (dorso-ventral, ventro-dorsal und schräg) erleichtert werden sollte.  […] [Über die Jahre wurden die Röntgengeräte weiterentwickelt und verbessert, sogar,] um die Röntgendiagnostik auch in den Feldlazaretten anwenden zu kön­nen, Röntgenautomobile aus[gestattet].

Da man sich zu jener Zeit über die starken biologischen und chemischen Wirkungen von Röntgenstrahlen noch nicht bewusst war, wurden auch noch keinerlei Schutzvorkehrungen im Umgang mit Röntgenstrahlen getroffen. Durch die Experimente mit [diesen] war Dessauers Haut von Anfang an erheblich den Strahlen ausgesetzt. Ihre negative Wirkungen erkannte er erst durch sichtbare tumorähnliche Hautveränderungen am eigenen Körper. Obwohl er bald seine experimentelle Tätigkeit aufgab, mußte er bis zu seinem Lebensende weit über hundert Operationen wegen dieser Hauttumore durch­stehen.

Gesundheitliche Gründe waren es dann auch, weshalb Dessauer vom Mili­tärdienst befreit wurde. Sein Studium setzte er 1914 in Frankfurt fort. Er belegte naturwissenschaftliche, mathematische und philosophische Fächer. 1917 beendete er sein Studium mit einer Dissertation in der Naturwissen­schaftlichen Fakultät. […]

Die Erweiterung des Röntgenspektrums nach der Seite der harten Strah­lung schließlich war für Dessauer von besonderer Bedeutung, da zu jener Zeit bereits bekannt war, daß in der Therapie Röntgenstrahlen von möglichst gro­ßer Härte am wirkungsvollsten sind, zu arbeiten. […] Dessauer gelang es durch eine neue Schaltung fast die doppelte Voltzahl [als üblich] zu erreichen, und das bei voller Betriebssicherheit und ohne Durchschlagsgefahr für die Apparatur.

[…] Nach Ende des Ersten Weltkrieges begann er sich auch politisch zu engagieren. Er setzte sich für eine neue Ordnung ein, die nach seiner Meinung nur dann von Dauer sein konnte, wenn sich die Kluft zwischen dem Bürgertum und der Arbeiterschaft schlösse. Die Überwindung der Klassengegensätze sollte nicht nur im ideologischen Sinn erstrebt werden, sondern auch im Materiellen. Um seine Ziele besser verwirklichen zu können, trat Dessauer 1918 der Zentrums­partei bei.[…]

1920 wurde in Frankfurt für die Naturwissenschaftliche Fakultät ein neuer Lehrstuhl mit Institut für das Fach „Physikalische Grundlagen der Medizin“ geschaffen und Dessauer zunächst zum Honorarprofessor, dann 1922 zum ordentl. Professor ernannt.  […]

[…] Das Institut bezog seine Räume im Theodor-Stern-Haus, dem medizinischen Forschungshaus der Universitätsklinik. Nun konnte nach Dessauers Konzipierung mit einem weitgestreuten Grundlagenforschungsprogramm über Erzeugung und Wirkung von Röntgenstrahlen begonnen werden. Ziel war es, mit einer möglichst hohen Strahlendosis einen diagnostizierten Tumor zu therapieren. Dabei sollte das gesunde, im Strahlenkegel liegende Gewebe, so gut es ging, verschont bleiben. 1922 hatte das Institut eine Transformato­renanlage mit Spannungen bis zu 250 000 Volt geschaffen. […]

Von 1923 bis 1934 war [Dessauer] darüber hinaus auch Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei. [. . .] das Höchste, was der Mensch erreichen kann, ist der vollkommene Dienst, glaubte er und so widmete er sich fast bis zur physi­schen Erschöpfung sowohl der Forschung als auch der Politik. Seine wissen­schaftlichen Erfolge wurden jedoch jäh durch die politischen Umwälzungen in Deutschland unterbrochen. Als Hitler 1933 an die Macht kam, wurde er wegen seines Engagements gegen die Nationalsozialistische Partei politisch verfolgt und im selben Jahr gleich mehrmals verhaftet, am 20. Dezember dann […] wieder freigelassen. Im Januar 1934 entzog man ihm den Reise­pass, und im Frühjahr erfolgten schließlich die Amtsenthebung und die Verset­zung in den Ruhestand. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt, und die Her­ausgabe seiner Bücher verboten. […]

Schon während seiner Inhaftierung erhielt Dessauer einen Ruf an die türki­sche Staatsuniversität Istanbul. Bei einem internationalen Gelehrtenkongress in Rom, an dem Dessauer noch teilgenommen hatte, setzten sich Freunde für ihn ein. Sie wussten um seine schwierige Situation in Deutschland. Die türkische Regierung erreichte 1934 seine Ausreiseerlaubnis. Am 25. Juli 1934 traf Des­sauer in Istanbul ein. Er hatte 50 Reichsmark in der Tasche, entsprechend der damaligen Devisenvorschriften. Zu dieser Zeit waren bereits jüdische Kollegen aus Frankfurt an der Universität in Istanbul tätig. Dessauer erhielt den Lehrstuhl für Radiologie und Biophysik der Medizi­nischen Fakultät Istanbul. Er erteilte einen systematisch aufgebauten Unter­richt in Radiologie und Biophysik und gründete zu diesem Fachgebiet das Institut, welches heute noch besteht und „Dessauer Institut für Radiologie der Universität Istanbul“ heißt. […]

Aufgrund seiner Situation kam ihm daher 1937 der Ruf an die Universität Fribourg in der französischen Schweiz sehr gelegen. Er zog nach Fribourg, wurde dort Ordinarius für Experimentalphysik und Direktor des physikali­schen Instituts. [Im Exil in der Schweiz wurden seine erneuten Krebserkrankungen medizinisch behandelt.]

Am 1. September 1941 teilte Professor Dr. Platzhoff, der Rektor der Frankfurter Universität, dem Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin unter den Linden folgendes mit: Friedrich Dessauer ist auf Grund des Gesetzes vom 14. Juli 1933 der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt. Dem Genannten ist daher der ihm von der Naturwissen­schaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt am Main verliehene Doktor­grad durch Beschluß vom 5. August 1941 entzogen worden. Ein Rechtsmittel ist nicht zugelassen.

Dessauer war sehr enttäuscht darüber, daß er von dem Land, in dem er auf­gewachsen war und das er liebte, ausgestoßen worden war und daß ihm dieses Land jetzt auch noch seine wissenschaftlichen Fähigkeiten aberkannt hatte. Nach Kriegsende wurde er voll rehabilitiert und zugleich bot man ihm die Lei­tung seines ehemaligen Instituts in Frankfurt an. Diesen Ruf schlug er nicht aus und antwortete daher am 6. Mai 1947: Es ist ein großer Trost für mich und eine Beruhigung zu wissen, daß wohlwollende und einsichtige Menschen in der alten Heimat inzwischen über dem Institut wachen und es vor dem Untergang schützen. Die Erforschung der Beziehung zwischen Physik und Lebensvorgängen oder, mit anderen Worten, zwischen unbelebter und belebter Natur ist in ein neues Stadium getreten, bietet ganz große Zukunftsaussichten und ist eine wirklich rein humane, von keinem Streit der Zeit befleckte Mission. Es wird vielleicht einmal zur Anerkennung, ja zum Ruhme Frankfurts beitragen, daß hier das erste derartige Institut begründet und durch die schlimmsten Stürme hindurch gerettet wurde, die jemals tobten.

[…]

1953 wurde Dessauer in Fribourg emeritiert und im Juli kehrte er endgültig nach Frankfurt zurück. Vom Wintersemester 1953/54 bis zum Sommerseme­ster 1960 hielt er jetzt regelmäßig Vorlesungen. […] Junge Studenten und Freunde aus früheren gemeinsamen Zeiten folgten mit großem Interesse seinen Ausführungen über Naturphilosophie und Philo­sophie der Technik. Bis zuletzt war Dessauer geistig vollkommen rege. Am 16. Februar 1963 erlag er seinem schweren Berufsleiden.

[…]

 
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