
Schuhe aus, Sinne an – Ein besonderer Besuch im Cem-Haus
Am 28. April 2026 machten sich die evangelischen und katholischen Religionsgruppen der siebten Jahrgangsstufe gemeinsam mit ihren Lehrkräften StRin Wissel, StR Pluhatsch, OStRin Kaschmieder und StD Störzer auf den Weg zum Gebetshaus der Alevitischen Gemeinde in Aschaffenburg, dem sogenannten Cem-Haus. Knapp 100 Schülerinnen und Schüler hatten sich im Unterricht bereits mit grundlegenden Inhalten des Islams sowie mit Besonderheiten des alevitischen Glaubens beschäftigt – doch zwischen Text und gelebter Wirklichkeit liegt oft eine spürbare Distanz. Die Exkursion bot die Gelegenheit, diese zu überbrücken: Glaube nicht nur zu besprechen, sondern ihn unmittelbar zu erleben.
Schon beim Betreten des modern gestalteten Gebäudes wird die Gruppe herzlich empfangen. Schuhe werden ausgezogen, ordentlich verstaut – und mit dem ersten Schritt in den Gebetsraum verändert sich die Atmosphäre spürbar. Auf bunten Kissen im weiten Raum Platz nehmend, umgeben vom warmen Rot des Teppichs, entsteht eine ungewohnte Ruhe. Die kreisförmige Sitzordnung lässt keinen festen Mittelpunkt erkennen und lenkt den Blick auf das Gemeinsame. An den Wänden hängen großformatige Darstellungen bedeutender Persönlichkeiten des alevitischen Glaubens – ein für viele ungewohntes Bild, zumal in Moscheen aufgrund des Bilderverbots ja keine bildlichen Darstellungen zu finden wären.
Die Begegnung wird in diesem Jahr vor allem von jungen Mitgliedern der Gemeinde getragen. Vorne im Raum, begleitet von einer Präsentation, führen sie Schritt für Schritt in zentrale Inhalte des Alevitentums ein und geben Einblicke in den Ablauf einer Cem-Zeremonie. Die Erläuterungen sind klar, anschaulich und dicht – und schaffen einen Zugang zu einer religiösen Praxis, die für viele bislang abstrakt geblieben war.
Im Anschluss daran verändert sich die Situation deutlich: Mit dem Drehen des Semah zu den Klängen der Saz tritt Bewegung an die Stelle des Erklärens. Die Tanzenden bewegen sich in Kreisen, drehen sich zugleich um die eigene Achse, finden in einen Rhythmus, der sich nicht in Worte übersetzen lässt. Die Bewegungen wirken zugleich ruhig und kraftvoll, getragen von einer Tradition, die weit vor die Entstehung des Islams zurückreicht. Der Blick richtet sich nach innen, das Geschehen im Raum wird konzentrierter, dichter – und für einen Moment steht nicht das Verstehen im Vordergrund, sondern das Wahrnehmen.
Erst danach öffnet sich der Raum für Rückfragen. Die Schüler greifen das Gesehene und Gehörte auf und vertiefen einzelne Aspekte. Es geht um die „vier Tore“ und die „40 Stufen“ und darum, wie sich religiöse Entwicklung überhaupt denken lässt. Auch gesellschaftliche Fragen werden angesprochen: Deutlich wird, dass sich viele Aleviten aus ihrer Geschichte heraus mit solchen Themen auseinandersetzen, sich jedoch keiner politischen Partei zuordnen lassen. Ebenso wird die Rolle der Sprache thematisiert – Türkisch kann ein Zugang sein, hilfreich und sinnstiftend, ist jedoch keine Voraussetzung. Entscheidend bleibt die Freiwilligkeit, der persönliche Weg im Glauben.
Mit dem Wechsel in den Begegnungsraum löst sich die konzentrierte Atmosphäre allmählich. Stimmen werden wieder lauter, Bewegung kehrt zurück. Bei Getränken und Börek sitzen die Schülerinnen und Schüler zusammen, tauschen Eindrücke aus, vergleichen Wahrnehmungen und beginnen, das Erlebte einzuordnen. Was bleibt, sind nicht nur neue Informationen, sondern vor allem Eindrücke, die nachwirken – und die spürbare Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Gemeinde, die diesen Besuch geprägt haben.
StRin Tatjana Wissel
