
Am Friedrich-Dessauer-Gymnasium Aschaffenburg erhielten die Schülerinnen und Schüler der 12. und 13. Jahrgangsstufe einen seltenen Einblick in das Leben im Westjordanland. Frau Abu-Dayyeh, eine christliche Palästinenserin aus dem Westjordanland, nutzte ihren Aufenthalt in Deutschland, um vor ihrem abendlichen Vortrag im Martinushaus auch am FDG über die Lage im Nahen Osten zu sprechen.
Die Referentin begann mit ihrer persönlichen Verbindung zu Deutschland: Schon in der Schule habe sie Deutsch gelernt und sich sofort in die Sprache verliebt. Seit 2015 arbeitet sie als Reiseleiterin, zusätzlich zu ihrer Sozialarbeit, und leitet das Projekt „Abrahams Zelt“, in dessen Rahmen neun Lehrkräfte rund 30 Kinder aus unterschiedlichen Religionen freiwillig unterstützen – ein Projekt, das jedoch finanziell gefährdet ist.
Im Zentrum ihres Vortrags standen die politischen und sozialen Bedingungen im Westjordanland. Sie erklärte die Einteilung in die Zonen A, B und C, die Einschränkungen durch Checkpoints und den Verlust vieler Rechte, die der gescheiterte Oslo-Prozess hinterlassen habe. Viele Wege, so berichtete sie, seien nur mit langen Umwegen oder stundenlangen Wartezeiten passierbar. Ihr eigener Bruder, Lkw-Fahrer, verlasse deshalb regelmäßig um zwei Uhr morgens das Haus, um rechtzeitig anzukommen, obwohl die Strecken ohne die Checkpoints nur um die zwei Stunden Fahrzeit beanspruchen würden.
Besonders eindrücklich schilderte die Referentin die Auswirkungen der israelischen Siedlungspolitik: fruchtbares Land und die Ernten, welche den Bauern genommen würden, Straßen und Brücken, die ausschließlich Siedlern und einigen wenigen Ausnahmen dienten, und Dörfer, die unter Angriffen litten. Unter den Folgen litten vor allem Familien und Kinder – durch Armut, Angst und fehlende staatliche Unterstützung. Auch der Krieg im Gazastreifen habe spürbare Folgen im Westjordanland, berichtete sie. Checkpoints seien verstärkt worden, neue Tore und Sperren erschwerten das tägliche Leben zusätzlich. Gleichzeitig betonte sie, dass Gewalt gegen Zivilpersonen – egal von welcher Seite – niemals akzeptabel sei.
Trotz aller Belastungen sprach Frau Abu-Dayyeh immer wieder von Hoffnung. Eine Zweistaatenlösung sei aus ihrer Sicht die einzige realistische Perspektive: Beide Seiten seien wirtschaftlich wie gesellschaftlich voneinander abhängig. Sie zitierte den Pastor Jadallah Shehade: „Das Glück eines Volkes hängt vom Glück des anderen ab.“.
Zum Abschluss berichtete die Referentin von der schwierigen Lage vieler Jugendlicher: eingeschränkte Rechte, wenig Perspektiven, komplizierte Ausreisebestimmungen. Viele verließen das Land, weil ein Studium oder eine Anstellung im Ausland bessere Chancen biete.
Mit Olivenholz-Schnitzereien aus Bethlehem, welche sie zur Unterstützung der Schnitzer in Bethlehem in Deutschland verkaufen will, zeigte Frau Abu-Dayyeh schließlich, wie wichtig Unterstützung auch aus dem Ausland sei – gerade jetzt, da der Tourismus stark eingebrochen ist, welcher eine wichtige Einnahmequelle darstellt, vor allem in Städten wie Bethlehem, die fast nur von Tourismus leben.
Der Besuch hinterließ bei vielen Schülerinnen und Schülern großen Eindruck. Er machte greifbar, was politische Nachrichten oft nur abstrakt vermitteln: wie komplex, herausfordernd und zugleich hoffnungsgetrieben das Leben im Westjordanland ist.
Mea Scheltens und Sophia Koller, K12

