„Jeder findet seinen Weg“ – Abschiedsinterview mit Herrn Helmut Schmitt

Dieses Interview entstand anlässlich der bevorstehenden Pensionierung von Helmut Schmitt.

Herr Schmitt, wo sind Sie am 8. September, wenn die Schule wieder beginnt?

Vor einem halben Jahr hätte ich vermutlich gesagt, dass ich beim Kofferpacken bin, weil das Ende der Ferien eine gute Zeit ist, um in Urlaub zu fahren. Aber in der aktuellen Situation haben meine Frau und ich jetzt keine Pläne. Normalerweise sind wir im Spätsommer gerne Richtung Mittelmeer unterwegs gewesen. Das werden wir hoffentlich nächstes Jahr wieder machen können. Realistischerweise würde ich sagen, dass ich am 8. September vormittags auf dem Tennisplatz bin und nachmittags in der Hängematte unter dem Apfelbaum liege.

 

Worauf freuen Sie sich am meisten im Ruhestand? Welche Pläne haben Sie?

Worauf ich mich wirklich freue, ist, dass ich keinen Gedanken mehr an Dinge aufbringen muss, was noch zu erledigen ist, worum ich mich kümmern muss. All die Dinge, die einen nicht loslassen, wenn man nach Hause kommt. Manchmal muss man sich auch in den Ferien damit beschäftigen. Den Kopf mal wieder richtig frei zu kriegen, das ist sehr angenehm.

 

Gibt es trotzdem etwas, das Sie am FDG vermissen werden?

Kann ich eigentlich erst sagen, wenn ich es hinter mir gelassen habe. Im Moment vermisse ich noch nichts. Ich lasse das auf mich zukommen. Wenn ich die Erfahrung  der letzten Jahre zu Rate ziehe, stelle ich fest, dass ich in den großen Ferien eigentlich nie die Schule vermisst habe.

 

In Ihrer 34-jährigen Laufbahn, die Sie von Anfang an – als erster Schulpsychologe am Untermain – am FDG absolviert haben, waren Sie vorzugsweise mit psychologischen Fällen betraut. Welche werden Ihnen in Erinnerung bleiben?

Also es gibt schon manche Situationen, die mir noch sehr lebhaft in Erinnerung sind, aber ich kann das auch loslassen. Das waren sehr eindringliche Begegnungen, die man nicht so schnell vergisst, aber darunter waren letztlich viele Kinder und Jugendliche, die mittlerweile Erwachsene sind.

 

Seit 1998, also insgesamt 22 Jahre, sind Sie Seminarlehrer für Psychologie am FDG. Was sind bzw. waren ihre pädagogischen Grundsätze, die Sie den jungen KollegInnen mitgegeben haben?

Da muss ich für Frau Henn, der Seminarlehrerin für Pädagogik, und mich zusammen sprechen, denn wir haben sehr viel und sehr eng zusammengearbeitet. Uns war es immer wichtig, den jungen Kolleginnen und Kollegen deutlich zu machen, dass es nicht reicht, Fachmann für seine Unterrichtsfächer zu sein, und dass es auch nicht reicht, das didaktisch und methodisch gut vermitteln zu können, man braucht auch pädagogisch/psychologisches Knowhow im Lehrerberuf, was mindestens genauso wichtig ist, weil man es mit jungen Menschen zu tun hat. Man begleitet sie in ihrer Entwicklung und da kann man nicht einfach ins Klassenzimmer reingehen, seinen Unterricht herunterreißen und dann wieder verschwinden. Das macht den Beruf auch wirklich manchmal herausfordernd und anstrengend, weil  Kinder und Jugendliche auch extrem unterschiedlich sind.

 

Was hat sich in den Jahrzehnten Ihres pädagogischen Wirkens verändert, zum Positiven und zum Negativen?

(Schmunzelt) Wo fängt man da an, wo hört man da auf. In den letzten 34 Jahren hat sich unsere Gesellschaft enorm verändert und natürlich die Schule damit ebenso. Es sind viele Dinge, die sich allmählich verändern, manchmal auch radikal, wenn beispielsweise das G8 praktisch über Nacht eingeführt wird. Was sich jetzt speziell aus meiner Perspektive als Schulpsychologe sehr verändert hat, ist die Offenheit des Kollegiums für solche Fragestellungen und das ist sehr positiv. Meine Arbeit war am Anfang viel schwieriger, weil ich auf viel Skepsis gestoßen bin, auf Vorsicht, Misstrauen. Vor allem bei einigen älteren Lehrkräften war es manchmal schwierig, sie dafür zu gewinnen, sich mit einem Beratungsfall zu beschäftigen und mit mir zusammenzuarbeiten und das ist jetzt überhaupt kein Thema mehr.

 

Weil diejenigen dachten, dass das Krankheitsbild nichts mit dem Unterricht zu tun hat?

Ja, aber damit sind auch Lernprobleme gemeint. Da gab es bei den KollegInnen schon noch vielfach die Vorstellung, „ja, wenn das nicht funktioniert, dann ist er oder sie [der Schüler/die Schülerin] hier am falschen Ort“. Auch die Einstellung, dass das Gymnasium primär dafür da ist, zu sortieren und zu schauen, wer es denn wirklich verdient hat, hier zum Abitur zu kommen, hat sich komplett verändert. Wir versuchen, alle Kinder so gut es geht, zu fördern und dahin zu bringen, dass sie erreichen, was maximal für sie möglich ist.

 

Wenn Sie sagen, dass sich beispielsweise die Offenheit des Kollegiums verändert hat, ist dann das FDG bereits eine ideale Schule oder sehen Sie noch Verbesserungsbedarf?

Also was das FDG konkret betrifft, da gibt es genügend kluge Köpfe hier, die sich mit dieser Frage beschäftigen und etwas umsetzen können. Ich habe dann damit nichts mehr zu tun. (grinst) Was die ideale Schule an sich angeht, da hat man Idealvorstellungen, die nicht mit dem in Einklang zu bringen sind, was institutionell überhaupt möglich ist. Meine ideale Schule sähe so aus, dass ich der Mentor von jungen Menschen bin, die sich mich ausgesucht haben. Ein Mentor, der sie solange begleitet, wie es für sie hilfreich und nützlich ist. Aber das ist in unserem Schulsystem undenkbar.

 

Was haben Sie in der Zeit als Lehrer über sich selbst gelernt?

Was ich gemerkt habe, ist, dass einen der Lehrberuf verändert.

 

Inwiefern?

Viele Perspektiven auf Bildung, Schule und Unterricht verändern sich. Ich denke, dass ich in mancher Hinsicht zu Beginn meiner Schullaufbahn einfach relativ naiv war und die Erfahrungen, die man macht, verändern einen. Was ich sehr bedauere ist, dass ich anfangs von der Arbeit zeitweise so überwältigt war, dass ich einfach nicht die Geduld für Einzelne hatte und auch nicht die Kraft und Energie, mich so um sie zu kümmern, wie es vielleicht sinnvoll gewesen wäre. Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Was ich auf jeden Fall sagen kann ist, dass ich gelassener geworden bin, ich sehe auch viele Dinge, die jetzt in der Schule passieren mit ein bisschen Abstand und rege mich nicht mehr so schnell auf.

 

Welchen Ratschlag würden Sie daher aus heutiger Perspektive Ihrem jungen Ich mit auf dem Weg geben?

Das ist eine hypothetische Frage. Ich glaube nicht, dass ich etwas anders machen würde. Ähnlich wie Herr Frank gesagt hat, muss man seine Erfahrungen machen und vielleicht auch bedenken, dass man sich mit Ratschlägen zurückhalten sollte, denn auch Ratschläge sind Schläge. Von daher: Mach Deine eigenen Erfahrungen, Du machst das schon! Das sage ich auch jenen jungen Kolleginnen und Kollegen, die Befürchtungen haben, was da auf sie zukommt. Jeder findet seinen Weg. Es gibt Strategien, mit bestimmten Dingen umzugehen, diese versuchen wir beispielweise, im Seminar zu vermitteln. Und dass es ein phasenweise sehr anstrengender Beruf, aber auch ein unglaublicher erfüllender sein kann.

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