Geschichten aus dem Wiener Wald

Die Bezeichnung „Volksstück“, die ihm zugelegt wird, bezieht sich zunächst scheinbar nur auf das darin auftretende Wiener Volk, allerdings wird hier keine walzerselige Gemütlichkeit der ‚guten alten Zeit‘ aufgeführt, sondern eine scharfe Analyse einer zerfallenden Gesellschaft vorgenommen, die in Faschismus und NS-Terror münden wird. Am Beispiel der Bewohner einer ‚typischen‘ Wiener Straße, in der sich eine Metzgerei (Fleischhauerei, wie es auf Österreichisch heißt), ein Spielzeugladen („Puppenklinik“) und ein Kiosk (die Tabak-Trafik) befinden, zeigen sich die Abgründe einer Nachkriegsordnung, die keine gelingenden menschlichen Beziehungen mehr zulassen.

Das Geschehen spielt sich vor dem Hintergrund des verlorenen Ersten Weltkrieges (1914–1918) ab, der Österreich-Ungarn zerschlug, es seiner Großmachtrolle beraubte und eine desillusionierte Gesellschaft hinterließ, die der alten Monarchie hinterhertrauerte und überall Schuldige für den Verfall suchte. Anstatt den Weg zum Kriegsausbruch und die 1914 gezeigte Kriegsbegeisterung kritisch zu hinterfragen, zog man Sündenböcke heran, die die Niederlage erklären sollen. Dabei hoffte man heimlich auf Revanche, vermisste die alten Autoritäten und war daher auch bereit, sich neuen „Führern“ in die Arme zu werfen.

Eine solche gesellschaftliche Einstellung verunmöglicht ein gelingendes Leben für alle Protagonisten dieses Dramas. Politische Rachegelüste, die Weltwirtschaftskrise und die allgemeine Unsicherheit der Zeit hinterlassen an jeder Figur dieses „Volksstücks“ ihre Spuren, keine und keiner bleibt unbeschädigt. Die Familien und Gemeinschaften dieser „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sind allesamt dysfunktional, am Zerbrechen oder Absterben und nirgendwo erhalten die Menschen die Geborgenheit, die sie eigentlich in ihrem tiefsten Herzen suchen.

Kein Wunder, dass auch die Bewohner der „stillen Straße im achten Bezirk“ sich andauernd in die Haare kriegen, am Streiten sind, neue Partner suchen oder auf Unterdrückung und Gewalt aus sind. Zum Opfer der „anständigen Bürger“ dieser Straße wird die junge Marianne, die sich einer aufgezwungen Ehe durch ein Liebesbündnis mit dem Wiener Hallodri Alfred zu entziehen sucht, das sich auch unglücklich entwickelt. Am Ende haben alle ihre Illusionen verloren und eine Gesellschaft im Untergang ihre hässliche Fratze gezeigt, auf die der unmenschliche, blanke Terror der NS-Zeit folgen wird. Dass Horváth mit diesem „Volksstück“ nicht nur abstrakt ein zeitloses Kunstwerk geschaffen hat, sondern auch unserer Zeit noch ihren Spiegel vorzuhalten vermag, belegt die Aktualität dieses Dramentextes, den das Oberstufentheater der Q12 des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums für die diesjährige Aufführung ausgesucht hat. Es zeigen sich dort die fatalen Auswirkungen von Vorurteilen, mangelnder Gesprächsbereitschaft und ideologischer Blockaden, die ein gedeihliches Miteinander unmöglich machen und so letztlich alle ins Unglück stürzen. Dass Horváth es trotz des ernsten Sujets geschafft hat, immer wieder skurrile, gar komische Stellen in diese im Wortsinne wahrhafte Tragödie einzufügen, ist eine besondere Leistung und Ausweis seiner scharfsinnigen schriftstellerischen Qualität und seines Sprachwitzes.

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