Besuch der Schriftstellerin Regine Möbius am FDG

Mit dem tropfenden Wasserhahn zum Gedankenfluss
Besuch der Schriftstellerin Regine Möbius am FDG

Vielleicht sollte man bei Deutschschulaufgaben künftig den Wasserhahn im Klassenzimmer öffnen, zumindest wenn es nach einer bekannten heutigen Autorin geht. Ihren persönlichen Schreibtrick verriet die Schriftstellerin Regine Möbius den Klassen 9f und 10e, als sie am 15. Februar 2019 im Rahmen des in Aschaffenburg stattfindenden Jubiläumskongresses „50 Jahre Verband deutscher Schriftsteller“ das Friedrich-Dessauer-Gymnasium besuchte. Sie selbst dreht im Falle einer Schreibblockade den Griff des Wasserhahns leicht auf und lässt sich vom Tröpfeln des Wassers inspirieren – aus Wassertröpfchen wird ein Gedankenfluss und das weiße Papier füllt sich mit Zeichen.

Der Verband deutscher Schriftsteller hat nicht zum ersten Mal Aschaffenburg für eine Tagung ausgesucht, aber welch besondere Freude es für die Teilnehmenden bedeutete, ausgerechnet zur 50. Jubiläumstagung nach Aschaffenburg zu kommen, verhehlte Regine Möbius den beiden Klassen am FDG nicht. Aschaffenburg sei eine sehr gastfreundliche Stadt und das Engagement für Kunst und Kultur sei am Untermain ein ganz besonderes, so Möbius. Das Kulturamt Aschaffenburg hat es den Aschaffenburger Schulen ermöglicht, eine Autorin oder einen Autor für Klassen an die Schulen zu holen. Am Dessauer-Gymnasium nutzten die Klassen 9f und 10e diese einzigartige Möglichkeit, eine Schriftstellerin leibhaftig kennenzulernen.

Nach der Begrüßung durch den Schulleiter Michael Lummel erlaubte Regine Möbius, die 2018 ihren 75. Geburtstag feiern konnte, einen Einblick in ihre faszinierende Lebensgeschichte, die sowohl Aufschlüsse über ihr Leben als Dichterin als auch einen Blick auf die Geschichte der untergegangenen zweiten deutschen Diktatur, der DDR, ermöglichte. Schon als Jugendliche mit 16 Jahren habe sie begonnen, kleine Geschichten und Gedichte zu schreiben, erzählte Möbius den ungefähr gleichaltrigen Jugendlichen. Sehr überrascht habe es sie dann, als sie nach der Wende 1989 in ihrer STASI-Akte dann plötzlich solche frühen Werke aus ihrem zweiten Lebensjahrzehnt wiederfand, die sie selbst gar nicht veröffentlicht hatte. Schon anhand dieser Episode wurde deutlich, wie sehr der ostdeutsche Geheimdienst, die sogenannte „Staatssicherheit“ des Ministers Mielke, die eigenen Bürger bespitzelt und ihr deren Leben eingegriffen hatte.

Für die Klassen bot sie einen kurzen Überblick über die Geschichte des bis 1989 existierenden „Arbeiter- und Bauernstaates“. Die „Deutsche Demokratische Republik“ (DDR) wurde im Oktober 1949 als sozialistisches Land von der sowjetischen Besatzungsmacht gegründet, nachdem im Westen am 25. Mai 1949 die Bundesrepublik Deutschland entstanden war. Dass die DDR eine Diktatur war, betonte Möbius explizit: „Für die Regierenden ist es immer viel bequemer, in einer Diktatur zu regieren, denn da lässt sich Widerstand leichter unterdrücken.“ Mit Blick auf manche Ostalgiker, die der untergegangenen DDR nachtrauern, sprach sie klar aus: „Manche hören es ungern: Die DDR war eine Diktatur!“

Sie erklärte den Klassen, dass Kultur in der damaligen DDR nicht als Möglichkeit, das eigene kreative Potenzial zu entfalten, angesehen wurde, sondern als Mittel, die Menschen für den Staat im Sinne des Sozialismus zu erziehen. Wer bei diesem System nicht mitzumachen gewillt war, flog heraus und hatte ein Publikationsverbot, durfte seine Schriften nicht veröffentlichen.

Ihre eigene Lebensgeschichte bewegte sie zur Abfassung einer Sammlung von Zeitzeugenberichten über den Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Dieser Tag, der 17. Juni, wurde in der alten Bundesrepublik als Nationalfeiertag, als „Tag der Deutschen Einheit“ begangen, um die Bundesbürger daran zu erinnern, dass im anderen Teil Deutschlands die Menschen in Unfreiheit lebten. Als Kind hatte die 1943 in Chemnitz geborene Regine Möbius diesen Aufstand miterlebt, sie bekam mit, wie der Vater ein Geräusch als den Lärm heranrollender Panzer identifizierte, wie ihre Mutter ihr eine Ostmark zusteckte, damit sie schnell noch Brot kaufen könne, weil die Mutter befürchtete, es gebe vielleicht wieder Krieg. Sie berichtete vom brennenden Pavillon der Nationalen Front, einer kommunistischen Massenorganisation, in der Stadtmitte und von der blutigen Niederschlagung des Volksprotests durch russische Panzer.

Nach diesem Tag durfte in der DDR nicht über das Geschehen des 17. Juni geredet werden. Im schulischen Geschichtsunterricht existierte dieser Tag nicht und auch in den Familien wurde nicht darüber gesprochen, so groß war die Angst vor der Regierung und ihren Spionen. Da die Zeitzeugen, die diesen Tag erlebt hatten, nun selbst älter werden, entschied sich Regine Möbius für die Abfassung ihres Buches „Panzer gegen die Freiheit“, in dem sie die Stimmen dieser Augenzeugen für die Zukunft sichern und bewahren wollte.

Unter anderem las sie aus dem Kapitel vor, das vom Leben des bekannten Plakatkünstlers Klaus Staeck erzählte. Der damals 17-jährige erlebte den Volksaufstand in Bitterfeld, wo ihm das Studium verwehrt wurde, weil er sich im „Arbeiter-Paradies“ DDR christlich konfirmieren ließ, anstatt sich der sozialistischen Jugendweihe zu unterziehen. Später verließ Staeck die DDR und floh in die Bundesrepublik, wo er nach einem Jurastudium als Grafikkünstler bekannt wurde und neben vielen politischen Plakaten auch die Plakate des Schriftstellerverbandes VS gestaltete.

Nach der Lesung zweier solcher Kapitel aus diesem Band kamen die Schülerinnen und Schüler mit Regine Möbius ins Gespräch. Auf die Frage, wie man als Schriftstellerin ein solches Werk angehe und konzipiere, erklärte sie den Klassen, dass sie zunächst Opferverbände und Institutionen angeschrieben und um Adressen von Zeitzeugen gebeten hätte. Danach habe sie eine ganze Menge von Briefen an die Personen genannt, die ihr genannt worden seien. In einem dritten Schritt habe sie diejenigen getroffen, die bei ihrem Werk mitmachen wollten und in langen Gesprächen deren Erfahrungen protokolliert. Aus diesen Mitschriften sei dann dieses Buch entstanden, an dem sie über ein Jahr geschrieben habe.

Die Schülerinnen und Schüler waren erstaunt, wie viel Arbeit hinter einem solchen Buch steckt. Daneben interessierten sie sich vor allem auch für den Alltag in einer Diktatur und die menschenverachtende Arbeit der STASI. Regine Möbius erzählte offen von ihrer eigenen Erfahrung und ihrer Einsichtnahme in die eigene STASI-Akte, die sie nach 1989 beantragen konnte. Sie betonte, wie schrecklich es sei, dass sich Kollegen oder Freunde plötzlich als Zuträger des Geheimdienstes, als sogenannte IM (Inoffizieller Mitarbeiter), herausstellten. Ganz besonders perfide, also heimtückisch, seien die vielen Akten beiliegenden Karteikarten mit ‚Geheimnissen‘ der überwachten Person gewesen, mit denen die STASI die Menschen im Falle von Unruhen erpressen und so ein Ende der oppositionellen Ideen erzwingen wollte. „Kübel von Dreck werden über einen ausgegossen in einer solchen Akte“, fasste Möbius diesen Aspekt der STASI-Arbeit zusammen. Ziel des Geheimdienstes war es, die Menschen systematisch fertigzumachen und in das kommunistische System – auch gedanklich – einzusperren. Die Schülerinnen und Schüler nahmen diese Schicksalsschilderung mit großer Bewegung zur Kenntnis. Der theoretische Lehrplaninhalt „die DDR als zweite deutsche Diktatur“ wurde hier zum persönlichen Lebenszeugnis, zum authentischen Einblick in das Wesen einer menschenverachtenden Diktatur, die die DDR war.

Besonders wichtig sei ihr daher, diesen Teil der deutschen Geschichte, also speziell die ostdeutsche Geschichte, auch in Westdeutschland wachzuhalten oder – wie bei unseren Jugendlichen der 9f und 10e – bekannt zu machen. Wichtig sei nämlich, dass auch die Erfahrungen, die im Osten Deutschlands gemacht wurden, als relevant und bedeutsam für den Westen und die gesamtdeutsche Geschichte anerkannt würden, denn nur so könne Deutschland wirklich zusammenwachsen. Die Fachschaft Geschichte ist daher umso dankbarer, dass Regine Möbius es unternommen hat, die zwei Klassen am FDG zu besuchen und einen solch persönlichen und bedeutsamen Einblick in unsere Geschichte gegeben zu haben. Der Stadt Aschaffenburg und dem Kulturamt unter der Leitung von Burkard Fleckenstein seien für ihr Engagement gedankt, das es unseren Schülerinnen und Schülern erlaubt hat, eine ‚echte Schriftstellerin‘ (und ein Stück Zeitgeschichte) ganz persönlich zu erleben.

Am Ende riet Regine Möbius, die in ihrem heutigen Zuhause in Leipzig auch eine Schreibwerkstatt für Kreative und Schreiblustige betreibt, den Jugendlichen, sich für erste eigene Schreibversuche nicht zu viel vorzunehmen. Nicht mehr als zwei oder drei Seiten solle man sich zum Ziel setzen, das sei für eine erste eigene Geschichte eine gute Länge. Wichtig sei auch, sich vor dem Schreiben schon das Ende der Geschichte zu überlegen, damit man wisse, auf welches Ziel man „hin-schreiben“ wolle. Eine gute Übung sei auch, sich hinzusetzen und einfach darauf loszuschreiben, einfach zu notieren, was einem gerade durch den Kopf gehe. So entstünden erste zusammenhängende Texte. Und im Falle einer Blockade helfe ihr stets der Blick auf den tropfenden Wasserhahn, das bewusste Achten auf das Fallen der Tropfen, und dann falle auch der Groschen im Kopf und sie komme beim Schreiben wieder in Fluss… Zeit also, auch am FDG bei der nächsten Deutschschulaufgabe am Wasserhahn zu drehen, um alle Schleusen zu öffnen, damit die Kreativität ungehindert aus unseren Schülerinnen und Schüler herausströmen kann…

Dr. Jochen Krenz
Fachschaft Geschichte

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