Besser Buhrufe statt Applaus für die „verkehrte Welt“?

Unterstufentheatergruppe am FDG erheitert Publikum mit Kinderkomödie

Was wäre, wenn alles anders wäre, als es ist? Unter diesem Motto stand der diesjährige Theaterauftritt der Unterstufe des Aschaffenburger Friedrich-Dessauer-Gymnasiums, welche „Die verkehrte Welt“ von Corina Rues-Benz auf die Bühne brachte. Eigentlich hätte das Publikum in der – trotz des WM-Anpfiffs – gut gefüllten Aula den Abend mit Buhrufen beenden müssen, stattdessen aber gab es tosenden Applaus für die Aufführung unter der Leitung von Alexander Thielmann Vila.

Die quirlige Komödie für Kindertheater hatte der junge Spielleiter geschickt ausgewählt: In sechs Szenen erzählte die am Beginn dieses Schuljahrs völlig neu zusammengesetzte Schauspieltruppe aus Fünft- bis Neuntklässlern die Geschichte einer völlig „verkehrten Welt“: Der ebenso wein- wie redselige Professor Krimskrams, dessen Experimente vorwiegend von kräftigem Grauburgundergenuss gespeist wurden, hat mit einer Maschine ein Portal in eine andere Dimension eröffnet. Dort sind die üblichen Verhältnisse umgekehrt – was in unserer Gesellschaft lobenswert ist, wird dort gefürchtet, was hier verabscheut wird, zählt dort als Tugend. Der Unterstufentheatertruppe und dem Publikum bereitete es sichtlich Spaß, als in der ersten Szene sich völlig frustrierte Schülerinnen und Schüler bei ihrem verblüfften Lehrer darüber beschwerten, dass die Pause zu lange gedauert habe. Auf die Frage des Lehrers, was sie denn statt der doch notwendigen Pausen wollten, skandierten sie im Chor: „Test schreiben, Test schreiben“ und verlangten nach noch mehr Hausaufgaben, weil man nie genug lernen könne. Das Lachen der Anwesenden zeigte, dass diese Zustandsbeschreibung der täglichen Schulrealität am Friedrich-Dessauer-Gymnasium offenbar sehr nahe kam.

Köstlich anzusehen war das Herbeirufen der professionellen „Schmutzfrau“ (Lara Landbrieff, 5f), als ein Teenagermädel (Carolin Magsaam, 5d) sich weigerte, das von ihr gerade liebevoll aufgeräumte Zimmer zu verschmutzen. Pech nur für die Eltern (Tiziana De Prisco, 5a; Leon Schwab, 7t), dass die Verunreinigungsfachkraft pro Sekunde fünf Euro verlangte – da diese Unsummen nicht aufzubringen waren, packte die „Schmutzfrau“ den ausgebreiteten Testschmutz zum Entsetzen der Eltern wieder ein und die Tochter triumphierte: „Ich habe gewonnen, mein Zimmer bleibt aufgeräumt!“

Ein Potpourri irrwitziger Einfälle zeichnete dieses für kleine (und große!) Kinder heitere Theaterstück aus – ob es die ihre Menschen Gassi führenden Hunde waren, die sich darüber beklagten, wie schwierig es doch sei, die Menschen ständig an- und auszuziehen, oder das Personal am Marktstand, das sich gegenseitig darin überbot, die teuersten und am meisten vergammelten Waren anzubieten. Ein Höhepunkt war die Begrüßung des Einbrechers durch das Ehepaar (Caterina Thielmann Vila, 5f; Patrice, 6e), das ganz begeistert war, dass endlich einmal ein Dieb (Michael Giardini, 7t) bei ihnen vorbeischaut, weil alle Nachbarn das schon vorher erleben durften. Nicht nur, dass beide ihrem Ehrengast selbstverständlich halfen, das Diebesgut einzupacken, sie wiesen ihn auch auf die von ihm übersehenen Verstecke des Familienschmucks hin. Diese Anspielungen verstanden auch die zahlreich anwesenden kleineren Geschwister der Schülerinnen und Schüler. Die ganze Familie hatte so ihren Spaß, als der Dieb am Ende die Polizei anrief um abzusprechen, wann der Streifenwagen komme, damit er sich rechtzeitig davor verabschieden könne. Die Gaudi fand ihren Höhepunkt, als das aufgeregte Ehepaar („Es ist das erste Mal, dass es klappt“) sich beim Eintreffen der Polizei darauf freute, endlich wegen des Einbruchs in ihrem Haus verhaftet zu werden und ins Gefängnis gehen zu dürfen.

Natürlich gab es keine Buhrufe am Ende, sondern den wohlverdienten Beifall für diesen theatralisch-vergnüglichen Sommerabend am FDG. Die Spielfreude der Truppe verdankte sich ganz offensichtlich dem Regietalent des Spielleiters Alexander Thielmann Vila. Der junge Student der Hochschule Aschaffenburg, der vor zwei Jahren sein Abitur am FDG abgelegt und dort als Schüler selbst bei zahlreichen Theaterproduktionen mitgewirkt hat, übernahm im Rahmen der offenen Ganztagesschule in diesem Schuljahr die Theaterarbeit der Unterstufe. Dass diese erst seit Oktober existierende Gruppe Elf- bis Vierzehnjähriger zu einem bühnenreifen Ensemble zusammenwuchs und diese humorvolle Revue auf die Beine stellen konnte, ist sein Verdienst. Der Jubel des Publikums für „Die verkehrte Welt“ zeigte dem Jungregisseur, dass er seine Gabe, junge Menschen für das Theater zu begeistern, ganz goldrichtig eingesetzt und allen Anwesenden mit seiner Truppe eine Riesengaudi bereitet hat.

Das Ende der Vorstellung bewies dann, dass Alexander Thielmann Vila für seine Theaterkarriere am FDG viel gelernt hat. Seine als „kurz und bündig“ angekündigte Abschlussansprache dauerte fast zehn Minuten und zog alle Register, welche auch andere Theaterlehrer völlig unbekrenzt auf der Bühne palavern lässt. Für seinen Mut, sich ins Theaterlehrerleben zu stürzen, überreichte Jochen Krenz den Theaterlehrer-Wanderpokal der Fachschaft Theater, bestehend aus einer kleinen Flasche aus dem Keller des Theaterkollegen Schwaderer, mit der Alexander Thielmann Vila feierlich in den Theaterhimmel am FDG aufgenommen wurde. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich ein ehemaliger Schüler kurz nach dem Abitur zutraut, eine schulische Theatertruppe aus ebenso quicklebendigen wie quirligen Unterstüflern zu übernehmen. Dass Alexander es innerhalb kürzester Zeit geschafft hat, ein solches Unternehmen aus dem Boden zu stampfen, erfüllt uns Theaterlehrer, die wir ihn eine (viel zu kurze!) Zeit lang hier am FDG in diversen Produktionen begleiten durften, mit großem Stolz. Danke, Alexander, dass Du Dein Talent bei uns am FDG in diesem Schuljahr auf eine so intensive Weise eingebracht hast, Du hast Dein Regiemeisterstück mit Bravour abgeliefert!

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