„Alles, was passiert, passiert im Augenblick “ – Interview mit Herrn Dr. Krenz

Herr Dr. Krenz, Sie haben das FDG verlassen, warum und wie lange?
Seit dem 1. September bin ich nun an der Europäischen Schule Bruxelles II Woluwe angekommen, ich bin also, im Gegensatz zu Euch in Bayern, schon seit einer Woche im Schulleben gelandet, denn die erste Einführungskonferenz für die „neuen EuropäerInnen“ fand am letzten Montag, 31. August, statt. Wir sind zwölf Neue, zwei Litauerinnen, ein Finne und eine Finnin, eine Schwedin, zwei Briten, deren Ehefrau jeweils aus einem anderen EU-Mitgliedsstaat kommt und schon hier arbeitet, eine Italienerin, zwei Französinnen, eine Österreicherin und ich.

Wie sieht Ihre Arbeit in Brüssel aus?
Jetzt am Anfang sind unheimlich viele Informationen auf mich eingeströmt. Eine Europäische Schule funktioniert völlig anders als ein bayerisches Gymnasium. Es gibt Schülerinnen und Schüler aus allen möglichen europäischen Ländern – hier bei uns in Woluwe sind es vor allem skandinavische und baltische SchülerInnen, die neben den italienischen, portugiesischen, französischen, belgischen oder irischen und deutschen SchülerInnen die Schule prägen. Abgesehen von den Muttersprachen-Klassen sitzen in jeder Klasse also völlig verschiedene Nationen an einem Tisch. Schon das macht das Unterrichten völlig anders. Und daher ist auch eine Welle neuer Vorschriften, Terminen und sonstiger Angaben über mich hinweggerollt, weil man wirklich ganz viele verschiedene Dinge beachten muss. Es gibt zum Beispiel nicht nur eine Note, sondern eine A-Note und eine B-Note. Die A-Note umfasst alles, was man als Lehrkraft im Unterricht beobachten kann, also Dinge wie Mitarbeit oder das Erstellen von Referaten, aber auch kleine Leistungstests, das, was bei uns „Exen“ wären. Die B-Note setzt sich aus den schriftlichen Examen zusammen, die schulweit an einheitlichen Terminen geschrieben werden – und die Jahresnote, die C-Note, ist eine Mischung aus beiden Noten. Schon das zeigt, wie komplex dieses System ist. Dazu kommt dann, dass die Klassen nach ganz unterschiedlichen Prinzipien zusammengesetzt sind. Es gibt Klassen mit MuttersprachlerInnen, die L1-Klassen, die ich logischerweise nur in Deutsch habe. Dann gibt es L2-Klassen, also Leute aus allen möglichen Ländern, die eine Fremdsprache als erste Fremdsprache (= zweite neue europäische Sprache, daher L2) haben, L3- und sogar L4-Klassen. Und in der L2 bekommt man dann irgendwann die Sachfächer wie Geschichte in der Fremdsprache unterrichtet, weshalb ich so lustige Klassen unterrichte wie eine „hisdea S4AS4DE“, in der aber keine deutschen SchülerInnen sitzen, sondern nur solche mit Deutsch als erster Fremdsprache. Es ist ein ungeheuer komplexes, aber auch sehr faszinierendes System, das ich hier in Brüssel nun richtig kennenlernen darf.

Gibt es etwas, das Sie an der neuen Schule anders machen würden als am FDG?
Die Frage kann ich so nicht beantworten, weil erstens die Unterschiede zwischen den beiden Systemen so groß sind und ich zweitens noch viel zu wenig Eindrücke und Erfahrungen mit dem Ganzen habe, um eine wirklich gründliche Antwort geben zu können. Auf jeden Fall werde ich mehr „Technik“ benutzen können, denn in jedem Klassenzimmer gibt es standardmäßig einen PC mit Beamer, Dokumentenkamera und elektronischer Tafel, sodass ich nun doch wesentlich einfacher mit einem USB-Stick hantieren und Lehrmaterial auch digital präsentieren kann.

Worauf freuen Sie sich am meisten und was erwarten Sie von Ihrer neuen Heimatstadt?
Ich freue mich sehr darauf, dass ich im Alltag nun wieder täglich meine Fremdsprachenkenntnisse anwenden kann. Brüssel an sich ist ja eine weitgehend französischsprachige Stadt und diese Sprache hat mir schon als Erasmusstudent so gut gefallen, dass ich für mehrere Jahre in die französische Schweiz gegangen bin. Aber nicht nur beim Einkaufen oder Essengehen spreche ich eine andere Sprache, sondern auch im Lehrerzimmer oder fast jedes Mal, wenn ich eine Kollegin oder einen Kollegen auf dem Gang etwas frage, denn ich arbeite durchgehend mit KollegInnen aus allen möglichen europäischen Ländern zusammen. Mit der einen spricht man Englisch, mit dem anderen Französisch, eine dritte spricht Dich in einer Mischung aus Spanisch an, auf das ich Italienisch geantwortet habe, weil es dem am nächsten kam… Das hat schon etwas Faszinierendes, dass man nun in einen solchen multisprachlichen Kosmos eintauchen kann.
Ansonsten gibt es hier ein ganz gutes Essen, das natürlich durch die unterschiedlichsten Traditionen geprägt ist – und ab nächstem Wochenende habe ich dann auch endlich meine neue Wohnung. Jetzt wohne ich bei einer Japanerin, die ein Zimmer zur Untermiete vermietet, weil meine Wohnung erst Mitte September frei wird. Aber in ein paar Tagen bin ich dann bei mir „daheim“, so schön es hier in der Untermiete auch ist, außerdem habe ich dann wieder meine Fahrräder, mit denen ich Brüssel und Umgebung erkunden kann, auch darauf freue ich mich sehr. Am nächsten Sonntag ist hier „Brüssel autofrei“, sodass man als Radler ohne Autos durch die ganze Stadt fahren kann, ich bin sehr gespannt, wie Brüssel dann wirkt, wenn es den „fietsen“ alleine gehört für einen Tag (jetzt ist auch die zweite Nationalsprache in meinem Artikel untergebracht)…

Was werden Sie am FDG vermissen?
Euch (ich kann auch kurze Antworten!).

Eine besondere Leidenschaft Ihrerseits ist das Theater, weshalb Sie jährlich das Theaterabo organisiert und auch intensiv Werbung dafür gemacht haben. Warum ist ein Theaterbesuch – Ihrer Meinung nach – gerade für SchülerInnen so wichtig?
Natürlich klingt es für viele Schülerinnen und Schüler zunächst einmal komisch, wenn es heißt, dass man ins Theater gehen soll. Was am Theater oder einer Oper, einem Ballett oder einem Konzertbesuch aber so faszinierend ist, ist, dass alles live vorgetragen, vorgetanzt, vorgesungen oder vorgespielt wird. Man versinkt in einer ganz eigenen Welt, sobald das Licht ausgeht und sich der Vorhang hebt. Alles, was passiert, passiert im Augenblick und nur für Dich als Teil des Publikums. Es ist einfach eine Erfahrung, die man einmal gemacht haben sollte – und dann kann man für sich entscheiden, ob das einem oder einer gefällt oder nicht. Kunst, die seit mehreren Jahrhunderten überdauert, muss etwas haben, wenn man sie nach 100 oder 200 Jahren immer noch anhört und ansieht, man kann diese Erfahrung mit den Eltern und Großeltern teilen, sich darüber austauschen, seinen Geschmack schärfen. Das alles bildet die eigene Persönlichkeit und ist ein Schatz fürs Leben. Umso mehr gilt dies noch für diejenigen, die sich selbst auf die Bretter wagen, die „die Welt bedeuten“, die hier am FDG Theater spielen oder Musik machen und anderen damit eine Freude bereiten – hier lernt man sich selbst ausdrücken, Gefühle zeigen, Gefühle vermitteln, sich in andere Lebenssituationen hineinversetzen, Begeisterung weitergeben an die, die zuschauen. Beides bereichert Dein Leben in einem ganz unglaublichen Ausmaß.

Können Sie eine Erinnerung an einer Ihrer Theatergruppen beschreiben, die Sie nie vergessen werden?
Ich weiß noch ganz genau, wie es 2013 bei meiner allerersten Schultheateraufführung gewesen ist – Frank Wedekinds „Frühlingserwachen“, ein geniales Jugenddrama aus dem 19. Jahrhundert, das Themen behandelt, die noch immer aktuell sind und in der BRAVO wohl unter der Rubrik „Dr. Sommer“ abgehandelt würden. Ich war so aufgeregt, ob die Aufführung klappt, die Leute lachen, der Funke überspringt, ich habe den ganzen Tag nichts essen können und fast kein Wort herausgebracht. Alle Kolleginnen und Kollegen, die mich sahen, ist das aufgefallen, dass ich so anders, still und blass war. In der Pause hat mir die SMV dann einen kleinen Sektorange spendiert, der so in mich und meinen nüchternen Magen gefahren ist, dass ich bei der Dankesansprache am Ende ziemlich euphorisch gewesen bin und der Tradition der kleinen persönlichen Schlussansprachen auf der Bühne eine neue Note habe geben können… aber das gehört ja mittlerweile zu unserem FDG-Theater dazu und ich bin mir sicher, dass diese Traditionen erhalten bleiben.

Was wünschen Sie der Fachschaft Geschichte, deren Leitung Sie die letzten Jahre inne hatten?
Dass sie, aber da bin ich mir sicher, die Leidenschaft für Geschichte an Eure Klassen weitergeben kann. Geschichte ist ein Fach, das hilft, die Welt und die Probleme von heute zu erschließen, weil es eigentlich kein politisches Feld gibt, das ohne seine historischen Bedingungen oder die Belastungen aus der Geschichte zu verstehen ist. Wer sich in der Welt ohne Vorurteile, mit einem klaren Urteilsvermögen und möglichst selbstbestimmt bewegen möchte, braucht Geschichte. Geschichte ist nicht langweilig, Geschichte regt zum Denken an. Dass wir als Fachschaft dazu beitragen können, ist etwas Großartiges.

Kommen Sie wieder zurück ans FDG?
Na das will ich doch hoffen, auch wenn ich noch nicht weiß, wann das sein wird, erst einmal bin ich nun mehrere Jahre hier in Brüssel, wenn alles so läuft, wie es geplant ist.
Und zu guter Letzt. Für die Zeit Ihrer Abwesenheit, was wünschen Sie den SchülerInnen, was den KollegInnen?
Bleibt so kreativ, unkonventionell und vor allem so herzlich und offen für Neues und Neue, eben so wie ich Euch alle in den letzten zehneinhalb Jahren habe kennenlernen dürfen, denn das zeichnet unser FDG aus.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!

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